1.) - 3.)
In Zeiten des abnehmenden
Lichts.
Roman von
Eugen Ruge (2011, Rowohlt).
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger
Nachrichten vom 16.09.2011:
Der Mann hat Glück gehabt. Eugen Ruge, 57, schleppt seit Jahrzehnten ein Thema mit sich herum, fasste es aber nicht an und wurde krank darüber. Da konnte er sich nicht mehr drücken. Also schrieb er in seinem Fischerdorf auf Rügen erste 80 Seiten eines Romans, der Innenansicht einer Familie, die an der Gestaltung der DDR beteiligt war. Dann war er pleite, aber das Glück kam in Form des Alfred-Döblin-Preises, der für unfertige Manuskripte vergeben wird. Ruge erhielt 2009 den fünfstellig dotierten Preis. Der Rowohlt Verlag hat das Buch jetzt herausgegeben, es steht bereits auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
„In Zeiten abnehmenden Lichts“ ist ein Familienroman der komplizierten Art. Es
geht um den Stalinismus, aus dem der Realsozialismus erwuchs. Um seine erst
brutale, dann subtil wirkende Macht, die viele Menschenopfer kostete und
Familien zerriss. Eine Geschichte, die vier Generationen umfasst, ein ganzes
Jahrhundert.
Charlotte und Wilhelm sind Kommunisten, 1933 ins Exil nach Moskau gegangen. Ihre
Söhne Werner und Kurt müssen in der Sowjetunion bleiben, als die Partei das Paar
als ideologische Entwicklungshelfer nach Mexiko entsendet.
Anna Seghers, Walter Janka und Alexander
Abusch sind dort. Als Charlotte erfährt, dass ihr Sohn Werner im Lager gelandet
ist, will sie es nicht wahrhaben. Er stirbt in Workuta. Wilhelm lässt sich
ideologisch nicht beirren, er bleibt Stalinist, wird Mitbegründer der DDR, sein
Lieblingslied hat den Refrain „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“.
Noch als 90-Jähriger, kurz vor dem Mauerfall, trötet er es. Am Tag, als der
Westen in den Osten einrückt, lässt der Autor ihn gnädig sterben.
Kurt, Wilhelms Stiefsohn, übersteht das Lager, heiratet die Russin Irina.
1956 gehen beide in die DDR, in eine fremde Heimat. Kurt wird Historiker,
Spezialgebiet: Arbeiterbewegung. Er weiß, dass er den Studenten dummes Zeug
erzählt, an seinen Erinnerungen an Workuta schreibt er heimlich. Erst nach dem
Zusammenfall der DDR geht er an die Öffentlichkeit. Eugen Ruge macht kein Hehl
daraus, dass es sich bei Kurt um Wolfgang Ruge handelt, seinen Vater, in der DDR
ein anerkannter Historiker.
Kurts Sohn Alexander besetzt als Studienabbrecher bereits in den siebziger
Jahren im Prenzlauer Berg Wohnungen, ist renitent, aber auch fahrig und in
seinen Beziehungen unzuverlässig. Eugen Ruges Alter Ego flieht die Ideale und in
den Westen zum Klassenfeind. Schändlicher geht es nicht. Alexanders Sohn Markus
schließlich, 1989 Teenager, will weder vom Vater etwas wissen, der die Familie
verließ, noch vom ganzen Ideologiegedöns. Für ihn ist das alles verstaubte
Geschichte. Den Kommunismus verachtet Wilhelms Urenkel.
Eugen Ruge erzählt nicht chronologisch, er verschränkt die Zeit- und
Perspektivebenen und bannt den gewaltigen Stoff in exemplarischen Stimmen und
Szenen, die deutsche Geschichte von 1930 bis ins 21. Jahrhundert gibt die
Struktur vor.
Ruge wurde 1954 in der Sowjetunion geboren, in Sosswa am Ural, unweit des Lagers
239, in das sein Vater als geflohener Kommunist aus Deutschland verfrachtet
worden war. 1958 kehrten die Eltern mit dem Sohn nach Ost-Berlin zurück, Ruge
studierte Mathematik, arbeitete am Zentralinstitut für Physik und nebenher als
Dramatiker. 1989 kam sein erstes Stück „Schuld“ in Leipzig auf die Bühne, da
hatte er sich gerade in den Westen abgesetzt. Für seinen ersten Roman habe er
„autobiografische Eckdaten“ verwendet, aber in Wahrheit sei er „eine komplette
Erfindung“. Er muss sich nicht wegen verlorener Ideale tot trinken wie seine
Mutter nach der Wende. Er ist ein Überlebender, der nur noch verstehen will.
Die vollständige Besprechung inkl. Abb. von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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2.)
In Zeiten des abnehmenden
Lichts.
Roman von
Eugen Ruge (2011, Rowohlt).
Besprechung von Lars von Gönna in der WAZ
vom
24.09.2011:
Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts"
erschien als Hörbuch
Eine Geschichte von drüben
Dieses Buch schlich sich in mein Herz über eine Stimme. Fahl und trocken, mit großem Abstand noch beim Erzählen von Gefühlen: Es ist der Schauspieler Ulrich Noethen, der Eugen Ruges selbst die Literatur
welt überraschenden Deutschlandroman so nah am Geist seines Erfinders spricht.De
r Roman heißt "In Zeiten des abnehmenden Lichts", er ist nominiert für den Deutschen Buchpreis, aber weder ist sein Schöpfer ein bislang viel gelesener noch bekannter Autor.Der Döblin-Preis 2009 für das Manuskript dieses Romans, er war den meisten kaum mehr als eine Erwähnung wert. Eugen.Ruge arbeitete lange als Mathematiker. Er lebte in der DDR, bis er sie ein Jahr vor ihrem Untergangverließ. Geboren aber wurde der Tschechow-Übersetzer 1954 im Ural. Sein Roman ist eine Familiengeschichte aus dem deutschen Sozialismus, eine Geschichte von drüben mit Ausflügen ins Exil; ein Buch, das es Lesern nicht leicht macht, denen die Alltagskultur der DDR fremd ist.
Aber eben das macht den spröden Reiz dieses Panoramas aus Parteiräson und Privatem aus. Ruge erzählt seine Familiengeschichte in einer schlauen Balance, in der sich beiläufige Chronik und anekdotische Fabulierlust die Waage halten. Ach, Chronik, natürlich heißt das beim Thema DDR: Enttäuschung und/oder Verdrängung. Ruges üppiges Personal erzählt in vielen kleinen Geschichten davon. Und aus der sicheren, wenn auch nicht schmerzfreien Distanz des Lesers sehen Wir die großen Hoffnungen nach Hitler und das mähliche Einschleichen des Kleinkarierten in die großen Pläne. 1952 treffen wir Kurt, den Vitalen, nach seiner Rückkehr aus Mexiko, und 2001 den selben Mann als Dementen, der nicht mehr weiß, wo er sein Wasser lässt. Wohin nach seinem Ende mit dem Krempel, der sein Leben war: ein Dolch des DDR-Winnetous Gojko Mitic zählt auch dazu.
Dieser Roman ist voll von leisen Absurditäten, aber nie hat man bei Ruge das Gefühl, einem begabten Phantasten auf den Leib zu gehen. Eher scheint eine Schicksalsgöttin mit Galgenhumor den Takt (am 90. des Patriarchen macht der Enkel rüber) dieser tragikomischen Fügungen zu schlagen.
Ruges Buch, dessen wunderbarer Titel ja kaum weniger ist als eine Umschreibung vom zwingenden Abschied politischer Utopie, ist schonungslos. Vielen im Westen wird er fremdbleiben, weil er sehr detailliert, mitunter ohne Übersetzungsabsicht, von diesem Leben drüben erzählt. Umso mehr sei er Ihnen ans Herz gelegt. So hell lagen die Schatten der Vergangenheit lange nicht "vor unserern Augen.
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3.)
In Zeiten des abnehmenden
Lichts.
Roman von
Eugen Ruge (2011, Rowohlt).
Besprechung von Norbert Mayer in Die
Presse vom 9.10.2011:
Mehr an Vorschusslorbeeren ist kaum vorstellbar: 2009 wurde Eugen Ruges (*1954) erstes großes Prosa-Manuskript „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Döblin-Preis ausgezeichnet, 2011 mit dem Aspekte-Literaturpreis. Der Roman ist im September erschienen (Rowohlt Verlag, 429 Seiten) – schon steht er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Was macht dieses Werk so attraktiv? Es erzählt Welt- und Familiengeschichte aus einem halben Jahrhundert, den Fall des Stalinismus vor allem und was danach kam. Es wirkt authentisch. Woher hat der Autor den Stoff?
Ruge wurde im Ural geboren, in Sosswa, als Sohn eines deutschen Kommunisten, der von Stalins Sowjets in den Gulag verbannt worden war. Mit vier Jahren kam Ruge junior mit seinen Eltern nach Ostberlin. Er studierte Mathematik, ging in die Wissenschaft. Noch vor der Wende 1989 aber begann er zu schreiben, für Theater, Rundfunk und Film. 1988 setzte er sich in den Westen ab. Er übersetzte auch Tschechow. Das spürt man dem Roman an.
Was also hat er uns zu sagen? Ereignisreich, aus vielen Perspektiven lernen wir ein Milieu kennen, das an den Sozialismus geglaubt hat. Die Großmutter und ihr zweiter Mann waren überzeugte Kommunisten, die aus dem Exil in Mexiko in die eben entstandene DDR zurückkehrten. Den Vater hat die eigene Ideologie fast umgebracht, aber er kehrt mit seiner russischen Frau und dem kleinen Sohn auch nach Berlin zurück. Und der geht kurz vor der Wende in den Westen – am 90. Geburtstag des Stiefgroßvaters.
Dieses exzellente Buch liegt offenbar nah an der Realität. Wolfgang Ruge war ein fleißiger DDR-Historiker, sein Lebenswerk wurde nach 1989 Makulatur, bis auf die Memoiren über seine Jahre in der Sowjetunion. Der autobiografisch gefärbte Roman des Sohnes ist quasi eine Fortschreibung dieser Saga, aber mit äußerst raffinierten Mitteln. Es schildert nicht nur den Verfall einer Familie (der Vater ein Pflegefall, der Sohn hat Krebs), sondern illusionslos den eines ganzen Systems.
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