Ab jetzt ist Ruhe von Marion Brasch, 2012, S. FischerAb jetzt ist Ruhe.
Roman von Marion Brasch (2012, S. Fischer).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger in der WAZ vom 08.03.2012:

Keine Heldin
Ost-Erinnerung: Marion Brasch erzählt im Roman "Ab jetzt ist Ruhe" von ihrer "fabelhaften Familie"

Die Situation fast am Ende dieser Geschichte ist an Absurdität schwer zu übertreffen. Sie steht mit einer Freundin in der Toilette des Ostberliner Künstlerclubs Möwe und empfindet das als privilegierten Ort. Von der anderen Seite der Mauer schwappen Soundfetzen herüber. Pfingsten 1987 trat David Bowie am Westberliner Reichstagsgebäude auf. Als er "Heroes" intonierte, dachte die Protagonistin dieses Tatsachenromans: "Wir waren keine Helden".

Marion Brasch (Jahrgang 1961) entstammt einer illustren Familie. Ihr Vater, Horst Brasch, hatte in der DDR hohe Ämter inne, war Vize-Kulturminister und Generalsekretär der Liga für Völkerfreundschaft. Die drei Söhne des störrischen Hardliners aber engagierten sich oppositionell. Der Älteste ging in den Westen und berühmt, der Mittlere starb 1980 drei Wochen vor seinem dreißigsten Geburtstag, der Jüngste schrieb ohne wirklichen Erfolg Märchen, Gedichte und Theaterstücke.

"Du überlebst uns alle", hatte Thomas Brasch, ihr ältester Bruder, prophezeit. Sein bekanntestes Buch hieß programmatisch "Vor den Vätern sterben die Söhne". Zwar überlebten zwei ihren Vater, doch keiner von ihnen erreichte sein 60. Jahr. Auch die Mutter nicht, eine Wiener Jüdin, die Journalistin war und 1975 dem Krebs erlag. "Ab jetzt ist Ruhe", lautete einst ihr ritualisierter Satz, wenn sie die Kinder ins Bett brachte.

Piefiges Schrankwandland

Mit gebührendem historischen Abstand nimmt das inzwischen 50-jährige Nesthäkchen diesen Satz zum Titel für äußerst lesenswerte Erinnerungen an diese "fabelhafte Familie". Sie schreibt sich frei, indem sie sich erinnert. Uwe Tellkamps "Turm" und Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts": In den Kontext gehört ihr Buch. Weder erliegt sie der Gefahr des Namedroppings noch verschweigt sie aus heutiger Sicht Unangenehmes.

Heiner Müller, "der Dichter mit der weiten Stirn", Katharina Thalbach, die Lebensgefährtin ihres Bruders, oder der rigide Nein zu dessen Manuskript sagende Honecker sind ebenso da wie Wolf Biermanns Köln-Konzert oder der stiernackige Franz Iosef Strauß. Sie sind dezent eingebaut als Randfiguren. Mehr nicht, denn hier geht es darum, wie eine zur jungen' Frau heranwächst, wenn mitten durch ihre Familie genau jene Verwerfungen laufen, die letztlich auch das Land zerbrechen und verschwinden ließen.

Hier der dogmatische, autoritäre, ihr stets ein schlechtes Gewissen machende Vater, dort die bohemehaften. unsteten, unzuverlässigen Brüder, die in die Arme schöner Frauen, zum Alkohol und in die Kunstwelten liefen. Dazwischen emanzipiert sich Schritt für Schritt die Erzählerin und wird erwachsen. Sie verschweigt nicht ihre im allgegenwärtigen Opportunismus begründete SED-Mitgliedschaft, auch nicht Bulimie und Beziehungsprobleme.

Wenn sie von Ostseeurlauben in entwürdigenden Unterkünften, von Pionierlagern, Arbeitskollektiven, stereotypen Feten, Tramptouren nach Ungarn, kohlebeheizten Wohnungen im Prenzlauer Berg oder dem "Ende der Welt" in Karl-Marx-Stadt erzählt, ist das Leben "in unserem piefigen Schrankwandland" jedenfalls mit hoher Präzision aus dem Vergessen und ostalgischem Verklären gezoomt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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