Ab jetzt ist Ruhe von Marion Brasch, 2012, S. Fischer

Marion Brasch

Ab jetzt ist Ruhe
(Leseprobe aus: Ab jetzt ist Ruhe, Roman, 2012, S. Fischer).

EINS

Ich war also vier Jahre alt, als ich das erste Mal von zu

Hause fortlief. Ich kann mich daran erinnern, weil meine

Mutter mich früher als sonst zum Mittagsschlaf ins

Bett schickte. Normalerweise durfte ich sonntags nach

dem Essen noch eine halbe Stunde bei den Erwachsenen

spielen. Für normale Sonntage wie diesen hatte ich ein

wechselndes Arsenal an Spielsachen, das ich in meiner

Spieldecke ins Esszimmer zu schleifen und unter dem

Esstisch auszubreiten pflegte. An normalen Sonntagen

wie diesem saßen meine Eltern und meine beiden größeren

Brüder um diesen Tisch. Diesmal war sogar mein

dritter und ältester Bruder da, der sich immer seltener

blicken ließ.

Er war neunzehn, sah toll aus und trug eine Lederjacke,

die unglaublich gut roch und bei jeder seiner Bewegungen

knarzte wie ein alter Baum. Je erregter das Gespräch

am Tisch wurde, desto schneller und lauter

schien auch die Jacke zu sprechen. Ein faszinierender,

aber irgendwie auch beunruhigender Vorgang, den ich

gebannt verfolgte, bis das Gesicht meiner Mutter unter

dem Tisch erschien und mir mit großer Bestimmtheit

bedeutete, dass ich diesen Ort ganz schnell in Richtung

Kinderzimmer zu verlassen hätte.

Ich ließ mir Zeit. Denn sosehr ich es auch hasste, wenn

sie sich stritten – noch mehr hasste ich es, ihnen aus der

Verbannung dabei zuhören zu müssen. Doch es nutzte

nichts, irgendwann war ich allein in meinem blöden Bett

im Kinderzimmer. Allerdings nicht sehr lange, denn bald

wurde auch mein jüngster Bruder rausgeschmissen. Er,

der mit neun Jahren eigentlich schon lange keinen Mittagsschlaf

mehr machen musste. Er, der immer so tat, als

würde er die Erwachsenen verstehen. Er, der im Doppelstockbett

immer oben schlafen durfte.

Fluchend schmiss er die Kinderzimmertür zu, klärte

mich über »die Spießigkeit der Alten« auf und ließ seine

Wut mit kindlicher Grausamkeit an meiner Lieblingspuppe

aus, indem er ihr mit denWorten »Die sieht doch

so viel besser aus!« das Gummigesicht eindrückte. Danach

kletterte er in sein Bett und schwieg beleidigt.

An normalen Sonntagen hätte ich nach der Sache mit

der Puppe etwas nach ihm geworfen und wäre petzen

gegangen. Doch dieser Sonntag war anders. Vielleicht

war ich erwachsener geworden, vielleicht fiel auch einfach

nur eine Tür zu viel zu – es spielte keine Rolle. Ich

wollte weg. Türmen.

Türmen. Das war dasWort, das meine Mutter benutzte,

wenn sie von England sprach. »Wir sind getürmt«, sagte

sie und erzählte mir irgendwann auch von der Zahnbürste,

mit der sie und ihre Schwester in Wien unter

Aufsicht der Nazis die Straße putzen mussten. Sie erzählte

diese Geschichte beiläufig. Wie eine Episode, die

sie normalerweise vergessen hätte. Wie eine Anekdote,

an die man sich nur wegen einer Nebensächlichkeit

erinnert: eine Zahnbürste, die danach zu nichts mehr zu

gebrauchen war.

Ich dachte damals, das sei ein Spiel gewesen: Wer

verliert, putzt eben die Straße mit der Zahnbürste, na

und? Und Nazis – das Wort klang aus ihrem weichen

wienerischen Mund so, als handelte es sich um eine

putzige Hunderasse. Doch türmen – dasWort war toll.

Ich stellte mir meine Mutter vor, wie sie sich mit ihren

Habseligkeiten verwegen von einem Turm zum nächsten

schwang und irgendwann in London ankam. So

was wollte ich auch versuchen. Doch die Zeit schien

einfach noch nicht reif, und es gab in meiner Gegend

auch irgendwie nicht genügend Türme. Deshalb kam

ich nur bis zum Bahnhof Alexanderplatz.

Den Weg dorthin hätte ich mit geschlossenen Augen

gehen können. Das hatte ich oft an der Hand meines

Vaters geübt, wenn er mich am Wochenende zum Zigarettenholen

mitnahm. Wir hatten einen Geheimcode.

Einmal die Hand drücken: Bürgersteig runter, zweimal

die Hand drücken: Bürgersteig rauf. Anfangs blinzelte

ich noch manchmal, irgendwann nicht mehr. Ich öffnete

die Augen erst, wenn ich den Laden roch, in dem mein

Vater sich Zigaretten und mir Süßigkeiten kaufte. Das

Geschäft duftete nach Tabak und Kaffee. Ich mochte

diesen Duft, konnte ihn aber nicht genießen, weil die

Verkäuferin eine fette Idiotin war. Sie behandelte mich,

als sei sie mit mir verwandt, und tätschelte mit ihren

dicken Wurstfingern mein Kinn, als wollte sie es mir bei

nächster Gelegenheit klauen, weil sie selbst keins mehr

hatte. Das alles hätte ich leicht ertragen, wäre sie nicht

so scharf auf meinen Vater gewesen: »Na, Herr Stellvertretender

Minister?«, pflegte sie zu schleimen. »Die Guten,

wie immer?« Mein Vater nickte. »Und für die Kleine:

Schokolinsen!«, schrie sie, als sei ich begriffsstutzig

oder taub. Ich hasste die Dicke. Und sie war immer da.

Vielleicht war sie zu fett, um diesen Ort zu verlassen.

Vielleicht war sie so fett wie der dicke Herr Bell, von

dem mein ältester Bruder mir mal erzählt hatte.

Der dicke Herr Bell war irgendwann so dick, dass er

nicht mehr durch seine Wohnungstür passte. Er saß den

ganzen Tag auf dem Teppich und wartete auf seine

Nachbarin, die ihm etwas zu essen brachte. Der dicke

Herr Bell wurde immer trauriger, weil er gar nicht mehr

wusste, was in der Welt passierte. Doch irgendwann

kam ihm eine Idee.

Er bat seine Nachbarin, ihm einen langen Draht, dünnes

Blech, einen Hammer und zwei Zangen zu besorgen.

Jetzt hat er den Verstand verloren, dachte die Nachbarin.

Doch sie brachte ihm, was er wollte. Und der

dicke Herr Bell erfand das Telefon und wurde irgendwann

wieder fröhlich, weil er Leute anrufen konnte, die

ihm erzählten, was in derWelt passierte.

Die dicke Frau im Tabakladen war nicht fröhlich. Sie

war nur fett und laut. Auch als sie mich an diesem Sonn-

tagnachmittag durch die Schlange erspähte und meine

Pläne durchkreuzte. Sie stemmte ihre Oberschenkelarme

in die Hüfte und schrie: »Na, was macht denn die kleine

Motte hier?! Wo ist denn der Vati?!« Das Wort »Vati«

erreichte nur noch durch den Hall der Bahnhofspassage

mein Ohr, wo ich der Nachbarin aus dem vierten Stock

in die Arme lief.

»Was machst du denn hier so ganz allein?«

»Ich bin getürmt«, erklärte ich.

»Soso«, sagte sie, kaufte mir ein Eis und brachte mich

nach Hause. Meine Mutter war kreidebleich, als sie die

Tür öffnete. Sie bedankte sich kleinlaut bei der Nachbarin

und zog mich in dieWohnung.

»Was hast du dir dabei gedacht?«

»Ich bin getürmt. Genau wie du!«

»Unser Schwesterchen ist getürmt«, feixte mein mittlerer

Bruder, der plötzlich hinter ihr stand. »Alle wollen

es, und sie macht’s einfach.« Er war vierzehn, und ich

sah ihn nur am Wochenende, wenn er aus dem Internat

nach Hause kam.

Meine Mutter fuhr herum. »Geh sofort in dein Zimmer,

wir sprechen uns noch!«, herrschte sie ihn an.

»Wir sprechen uns noch«, äffte mein Bruder sie nach

und verschwand in seinem Zimmer. Meine Mutter

schimpfte mit mir, und ich musste ihr versprechen, dass

ich so etwas nie wieder tun würde.

»Bilde dir bloß nichts drauf ein!«, sagte mein jüngster

Bruder, als wir abends im Bett lagen. »Ich bin schon abgehauen,

da lagst du noch als Quark im Schaufenster.«

»Gar nicht.«

»Du hast doch überhaupt keine Ahnung.«

»Und du bist doof.«

»Schnauze.«

»Selber.«

Meine Mutter kam herein.

»Schluss jetzt«, sagte sie streng und zog die Vorhänge

zu. Sie kam an unser Bett, küsste uns, und wir sagten

unseren Gutenachtspruch auf, jeder immer einWort.

Ab – jetzt – ist – Ruhe.

Dann machte sie das Licht aus und ging.

Wenn es nach meinem ältesten Bruder ging, war jenem

spektakulären Fluchtversuch bereits ein anderer vorausgegangen.

Damals war ich zehn Monate alt und er

sechzehn Jahre. Wir bewohnten ein Haus am Stadtrand

und verfügten sowohl über einen Hund namens Fred

als auch über eine ältliche Haushälterin mit Überbiss:

Agnes.

Es war ein gewöhnlicher Vormittag im Sommer. Meine

Eltern arbeiteten, meine beiden jüngeren Brüder waren

im Kindergarten und in der Schule. Ich war mit

meinem ältesten Bruder, Hund Fred und Agnes allein.

Agnes rauchte in der Küche, mein Bruder war in seinem

Zimmer, Fred lungerte im Garten herum, und ich spielte

auf demWohnzimmerteppich.

Ob aus Langeweile oder Neugier – unbeobachtet und

mit nicht mehr als ein paar lässig um die Hüften geschwungenen

Stoffwindeln kroch ich irgendwann aus

dem Haus, durch den Garten und auf die Straße. Der

Hund entdeckte mich, rannte mir hinterher, trug mich

an denWindeln im Maul zurück und legte mich schweigend

in den Flur, worauf ich in gellendes Geschrei ausbrach.

Mein ältester Bruder stürzte aus seinem Zimmer,

setzte mich ins Laufgitter, rief nach der nutzlos in der

Küche rauchenden Agnes und knallte ihr eine. Agnes

wurde noch am selben Tag gefeuert, und auch der Hund

muss kurz darauf gestorben sein, denn ich kann mich

beim besten Willen an kein Hundegesicht erinnern. Wir

verließen das Haus am Stadtrand und zogen in eine

Neubauwohnung am Alexanderplatz.

Von da an ging ich in dieWochenkrippe – eine fabelhafte

Einrichtung: Montagfrüh wurde man frisch gewindelt

abgegeben und Freitagabend im gleichen Zustand

wieder abgeholt. Dazwischen galt meine ganze Aufmerksamkeit

vermutlich der Aufnahme und dem Ausscheiden

von Nahrung.

Auf die Wochenkrippe folgte der Kindergarten. Und

für den Kindergarten hatte ich einen Fahrer, der mich

dorthin brachte, nachdem er meinen Vater bei der Arbeit

abgesetzt hatte. Das Auto war ein schwarz glänzender

Tatra, und der Fahrer hieß HerrWolf. HerrWolf war ein

großer, breitschultriger Mann und hatte immer nasse

Haare, die er an jeder roten Ampel mit einem braunen

Kamm akkurat nach hinten kämmte, so dass sie am

Hinterkopf eine Art Scheitel bildeten.

HerrWolf brachte mich zu der kleinen pudelköpfigen

Tante Ritter und der strengen, hässlich bebrillten Tante

Liebig. Die beiden ergänzten sich vortrefflich. Was das

weiche Herz der einen durchgehen ließ, rückte die andere

mit mahnender Stimme und fester Hand wieder zurecht.

Einmal gab es zum Mittag Sülze, also Fleischfetzen

mit Fettaugen in Aspik. Tante Ritter ging um den Tisch

herum und versuchte uns das eklige Essen irgendwie

schmackhaft zu machen. »Guck mal, das da hat ein

Gesicht, es lacht dich an. Es will gegessen werden,

mmmh.« Die meisten machten gute Miene zum bösen

Spiel und schoben sich den Fraß in homöopathischen

Dosen irgendwie rein. Wenn Tante Liebig hingegen ihre

Runde drehte, waren große Gabeln angesagt. Auch bei

mir. Sie beugte sich mit ihren schweren Brüsten über

meine Schulter und zeigte mit noch schwererem Finger

auf meinen jungfräulichen Teller: »Was ist denn das? Da

liegt ja noch alles drauf! Jetzt aber ganz schnell weg

damit!« Sie griff nach dem unberührten Besteck, spießte

ein großes Stück des fleischfarbenen Glibbers auf und

hielt es mir vor die Nase. Nicht sehr lange, weil ich

kotzen musste und damit das eklige Zeug auf meinem

Teller endgültig ungenießbar machte.

Ebenso ungern erinnere ich mich an die Faschingsfeiern

im Kindergarten.Während die anderen jedes Jahr

in neuer Gestalt erschienen, war ich das Blumenmädchen,

und zwar immer: Sommerkleid, Kopftuch und ein

kleines Körbchen mit Kunstblumen. Einmal gab mir

meine Mutter ein rotes Kopftuch und legte in das Körb-

chen eine leere Rotweinflasche und zwei Stücke Marmorkuchen:

Rotkäppchen – es war demütigend.

Für den letzten Fasching im Kindergarten wollte ich

das Blatt wenden. Und Oma Potsdam sollte mir dabei

helfen. Sie war die Mutter meines Vaters, und wir nannten

sie Oma Potsdam, um sie von Oma London zu unterscheiden.

Oma Potsdam ging mit mir in einen Laden, wie ich

ihn vorher und auch nachher nie wieder gesehen habe.

Von außen ein Geschäft für »Textilien und Kurzwaren«,

drinnen eine bunte Wunderhöhle, vollgestopft mit Farben.

Es konnten sich höchstens zwei oder drei Kunden

gleichzeitig darin aufhalten, so eng war es dort. Die

Tische bogen sich unter der Last großer, vielfarbiger

und glänzender Stoffballen, in den Regalen türmten

sich Garnrollen und Wollknäuel, von der Decke hingen

lange bunte Bänder in allen Materialien und mit verschiedensten

Mustern. Es gab große Holztruhen mit

Tausenden Stoffresten und Kisten voller Knöpfe, Pailletten

und Strass.

Die Besitzerin des Ladens hieß Eva, meine Oma duzte

sie. Eva war ungefähr vierzig und unglaublich schön.

Sie hatte feuerrotes lockiges Haar und graue Augen,

deren Lider halb geschlossen waren, so dass sie immer

irgendwie müde aussah. Meine Oma nannte es »Schlafzimmerblick«.

Dass dieses Wort eine andere Bedeutung

hatte, als ich ihm gab, lernte ich erst später. Auch

erzählte sie mir irgendwann, dass Evas rotes Haar gar

nicht echt sei und sie eigentlich das mittelblonde glatte

Haar ihres Vaters habe – eines asthmatischen Bäckermeisters,

bei dem ich immer unsere Brötchen holte.

Wir zwängten uns durch Evas Laden und suchten aus,

was man für eine morgenländische Prinzessin brauchte.

Eva nahm meine Maße und bestellte uns für den nächsten

Tag in ihre Wohnung, deren Wände mit Stoffen tapeziert

und mit Bildern geschmückt waren, die nur ein

einziges Motiv hatten: Eva.

Eva schneiderte mir einen paillettenbesetzten Traum

aus dunkelblauer Kunstseide, mit Schleier und langer

Schleppe. Die Lebenszeit dieses Traumes betrug exakt

zwei Stunden und endete im Hausflur meiner Oma als

rußiges Nichts mit zerrissener Schleppe, einem verstauchten

Knöchel und schlimmen Tränen. Völlig unbemerkt

hatte sich die Prinzessin aus der Wohnung geschlichen,

um ihre Großmutter mit einem Eimer Kohlen

aus dem Keller zu überraschen. Scheherazade sollte den

Hinterhof in Potsdam niemals verlassen.

Ich liebte es, zu Oma Potsdam zu fahren. Ich durfte

aufbleiben, so lange ich wollte, ich durfte Westfernsehen

gucken und dabei meiner Oma Zigaretten drehen.

Sie besaß eine silberne Tabakdose und eine Zigarettenspitze

aus Elfenbein, an der sie elegant wie ein

Filmstar zog, während sie mir Geschichten von früher

erzählte. Geschichten aus einer Welt, die mit der, in der

sie jetzt lebte, nicht das Geringste gemein hatte. Es war

die Welt einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie,

die aus einem Kaff bei Breslau nach Berlin

gekommen war. Ihr Vater war eines von acht Kindern,

hatte einen Zwillingsbruder und starb mit nur einundfünfzig

Jahren. »An gebrochenem Herzen«, wie meine

Oma immer wieder seufzend und nicht ohne eine gewisse

Dramatik betonte. Über ihre strenge Mutter sprach

sie kaum.

Sie zeigte mir Fotos von ihrem Bruder, der im Ersten

Weltkrieg in die afrikanischen Kolonien ging und dort

an Gelbfieber starb. Sie zeigte mir ihre schöne Schwester

– eine Sängerin und Tänzerin, die von den Frauen

hochrangiger Nazis protegiert wurde, bis man sie dann

doch nicht mehr so toll fand und nach Theresienstadt

deportierte.

Sie erzählte mir von ihren drei Ehemännern, von

denen einer schlimmer gewesen sei als der andere. »Sie

haben mich alle betrogen«, seufzte meine Oma. »Aber

sie sahen blendend aus!«

Sie zeigte mir das Foto eines jungen Mannes, der

meinem Vater zum Verwechseln ähnlich sah. Er trug die

Uniform eines Offiziers im Ersten Weltkrieg und lächelte

charmant in die Kamera. »Ein schöner Nichtsnutz,

ein Schürzenjäger. Er ist leider wahnsinnig geworden.«

Bevor das geschah, ließ sie sich von ihm scheiden, um

kurz darauf einen Filmkritiker zu heiraten, der ihr das

Berlin der zwanziger Jahre zu Füßen legte. Allerdings

nur so lange, bis er die Füße anderer Frauen verlockender

fand.

Folgte Ehemann Nummer drei: ein Biologe, Kunstliebhaber

und Übersetzer. Er war zwanzig Jahre älter als

meine Oma und holte sie in das kleine oberbayerische

Dorf, in dem er lebte.

»Sie haben sich das Maul zerrissen, wenn wir die

Dorfstraße entlangliefen«, erzählte sie mir und zog an

ihrer elfenbeinernen Zigarettenspitze. »›Die geschiedene

Jüdin‹ haben sie mich genannt. Aber ich war besser als

dieses Pack!« Sie stieß den Rauch mit einer Verachtung

aus, als befände sich das Dorf vollzählig mit uns im

Raum.

Sie war besser und bewies es den Leuten, indem sie

katholischer wurde als sie. Sie machte die Religion zu

ihrem neuen Hobby. Doch was sie anfangs noch aus

einer Mischung aus Trotz, Langeweile und Neugier tat,

wurde mehr und mehr zum Lebensinhalt. Irgendwann

gab sie nicht nur vor zu glauben – sie glaubte tatsächlich.

Ihren Sohn, der später mein Vater werden sollte,

schickte sie auf ein katholisches Internat in den Bergen.

Dort wurde er ein fleißiger Ministrant, und wäre er nicht

beschnitten gewesen, hätte er wohl bald gänzlich vergessen,

dass er Jude war. Er lernte, was ein guter Katholik

zu lernen hatte. Pater Richard lehrte ihn Latein, bei Pater

Rupert beichtete er, und Pater Martin erklärte ihm die

Welt. Allerdings auf eine Weise, die der Gestapo nicht

gefiel. Jetzt war er Antifaschist und Jude – das ging gar

nicht, er musste weg. Aus dem Internat und aus dem

Land. Ein jüdischer Kindertransport brachte ihn nach

England.

Seine Mutter durfte bleiben. Sie war durch die Ver-

bindung mit einemnichtjüdischen Mann noch geschützt.

Später versteckte er sie, und als der Krieg vorbei war,

wurde die Ehe wegen des wiederholten Vorwurfs der

Schürzenjägerei geschieden. Meine Oma lebte noch zwei

Jahre im Gästezimmer ihres Ex-Mannes und seiner jungen

Frau, und als mein Vater aus dem Exil zurückgekehrtwar,

fand er für sie die kleineWohnung in Potsdam,

in der sie auch jetzt noch lebte.

Meine Oma liebte den Schein und die Welt der schönen

Dinge. Sie verlor sich gern in der Vergangenheit, die sie

wie einen Schatz in ihrem alten Sekretär verbarg.

Manchmal gab sie mir den Schlüssel und erlaubte mir,

in die vielen kleinen Schubladen zu schauen, in denen

sie die Insignien eines anderen Lebens aufbewahrte.

Sie lebte in der Vergangenheit, ohne zu vergessen,

dass ich ein Teil ihrer Gegenwart war. Und diesen Job

machte sie gut. Sie ließ mich in ihrem Bett unter dem

hölzernen Kreuz schlafen und nächtigte selbst auf der

unbequemen Couch im Wohnzimmer. Wenn ich morgens

aufwachte, kroch ich zu ihr unter die Decke, und

sie las mir mit ihrer knarzigen warmen Stimme Indianergeschichten

vor. Sie kochte mir Grüne Bohnen, buk

mir Schokoladenkuchen und kaufte mir kleine Ringe

mit leuchtenden bunten Glassteinen.

Nur die Sonntagvormittage waren öde. Da nahm sie

mich mit in die Kirche. Eine Stunde elender Langeweile

mit ernst dreinblickenden alten Leuten und einem

gelbgesichtigen Pfarrer, der schlimm aus dem Mund

roch. Wenn er vor dem Gottesdienst am Kirchenportal

stand, um seine Gemeinde persönlich in Empfang zu

nehmen, holte ich tief Luft und hielt sie an, bis ich

drin war. Später begriff ich, dass ich einfach nur durch

den Mund atmen musste, um mir das Leben zu retten.

Ich drängte Oma Potsdam dazu, sich möglichst weit

hinten in die Bank zu setzen, doch selbst da schien

mich der stinkende Atem des Gottesmannes zu erreichen.

Mein Vater hatte seiner Mutter strikt untersagt, mich

mit in die Kirche zu nehmen. Nicht etwa, weil er mir die

endlosen Predigten, Gebete und das Psalmengesinge ersparen

wollte. Nein, mein Vater machte sich Sorgen,

dass mein zart heranwachsendes Klassenbewusstsein

untergraben werden könnte.

Oma Potsdam wiederum hegte keine missionarischen

Absichten – ob ich an Gott glaubte oder nicht, war ihr

egal. Ihr ging es einzig darum, ihrem Sohn eins auszuwischen.

Sie wusste, wie sehr mein Vater ihren Katholizismus

hasste. Außerdemmachte sie ihn verantwortlich für

dieses »Desaster«, wie sie es nannte. Ich wusste damals

natürlich noch nicht, was das bedeutete, erkannte aber

an dem verächtlichen Blick, den sie bei diesem Wort

durch ihre kleine Potsdamer Hinterhofwohnung schickte,

dass es irgendetwas mit ihrem jetzigen Leben zu tun

haben musste. Dass sie mich in die Kirche schleppte und

im Westfernsehen Sesamstraße gucken ließ, war ihre

kleine Rache an ihrem Sohn. Es bereitete ihr diebisches

Vergnügen, ihn zu hintergehen.

»Der Schlag soll mich treffen, wenn ich mir das von

deinem Vater verbieten lasse«, sprach sie und ließ die

Zigarette aufglühen, die ich ihr gedreht hatte.

Eines Tages wurde sie wirklich vom Schlag getroffen.

Als sie siebzig Jahre alt war, fiel sie um und war tot.

Mein Vater saß in der Küche und rauchte. »Oma ist tot«,

erklärte er mit ausdrucksloser Miene. »Morgen ist ihre

Beerdigung.Willst du mit? Du musst nicht.« Ich weinte.

Er rauchte. Ich war zehn Jahre alt. Natürlich wollte ich

mit.

Bei ihrer Beerdigung sprach der mundriechende Priester

weihevolle Sätze, und die rothaarige Eva tauschte

ihren Schlafzimmerblick durch einen trauerumwölkten.

Und mein Vater rauchte.

Mein Vater rauchte immer. Auch wenn Oma London

kam, die es nicht leiden konnte, wenn er rauchte. Sie

mochte meinen Vater nicht und hatte ihrer Tochter nie

verziehen, dass sie sich von einem zum Katholizismus

und später Kommunismus konvertierten Juden nach

dem Krieg ausgerechnet ins verhasste Deutschland hatte

verschleppen lassen. Und dann auch noch in den Osten.

Tief in ihrem Inneren verachtete sie ihre Tochter dafür,

dass sie sich das hatte bieten lassen, und ließ es meine

Mutter auch Jahrzehnte später noch auf sehr subtile

Weise spüren.

Oma London hieß Oma London, weil sie und ihr

Mann William nach dem Krieg nicht nach Wien zurückgekehrt,

sondern in England geblieben waren. Die

beiden lebten in einem wohlhabenden Vorort von London,

und im Sommer fuhren sie in ihr Ferienhaus auf

die milden Scilly-Inseln vor der Küste Cornwalls.

Oma London war schon über siebzig und immer noch

eine Schönheit – elegant gekleidet, mit perfekt frisiertem

Haar und langen, rot lackierten Fingernägeln. Sie sprach

feinstes Wienerisch, das sie sorgsam mit englischen Vokabeln

versetzte – eine Dame in Vollendung.

William, den wir nur Willy nannten, war ihr zweiter

Mann und stand ihr an Noblesse in nichts nach. Er trug

ein sorgsam gestutztes Menjou-Bärtchen, sein dunkles

gewelltes Haar war mustergültig nach hinten gekämmt –

er war der Inbegriff des perfekten Kavaliers mit dem

Charme und der Nonchalance eines Wiener Lebemannes.

Willy war Zeichner und Bildhauer mit einer besonderen

Leidenschaft für Tiere. Er schuf große Bronzeplastiken,

die gern in diverse Zoos gestellt wurden, und

zeichnete Cartoons mit lustigen Hundegeschichten. Uns

Kinder beschenkte Willy hauptsächlich mit Bengo. Bengo

war ein Hundewelpe, der als Comic- und Zeichentrickfigur

oder als Kuscheltier sein kleines widerspenstiges

Dasein fristete.

Mein Kinderzimmer wurde von zahllosen Bengos bevölkert.

Den Bengo-Mittelpunkt meines Lebens allerdings

bildete ein schmaler Teppich, der vor meinem Bett

lag, bis er fadenscheinig wurde und in einer gemeinen

Nacht-und-Nebel-Aktion von irgendeinem mitleidlosen

Mitglied meiner Familie entsorgt wurde.

Die seltenen Besuche meiner Großeltern aus London

waren ein Ereignis, denn Oma London verstand es fabelhaft,

uns das Gefühl zu vermitteln, nicht sie würde uns

besuchen, sondern umgekehrt.

Gemeinsam mit Willy residierte sie meist in einem

teuren Hotel im Zentrum der Stadt. Dort gab sie uns

Audienzen, die stets nach einem von ihr festgelegten

Protokoll abzulaufen hatten. Für gewöhnlich warteten

meine Eltern und wir Kinder in der Hotelhalle, bis

meine Großmutter und Willy dort erschienen, um von

uns ins Restaurant eskortiert zu werden. Oma London

begrüßte jedes Familienmitglied mit mondäner Gelassenheit

und hauchte kultivierte Küsschen. »Ja schau,

Sweetie!«, pflegte sie zu säuseln, wenn ich an der Reihe

war. »Look at you, was bist du groß geworden!«

Sprach’s, nahm mein Gesicht zwischen ihre kühlen

Hände und küsste mich auf die Stirn, während ich ihren

kostbaren Duft aufsog. Sie roch gut. Nach erlesenem

Parfüm und weiterWelt.

Die Betriebstemperatur von Willy lag um einiges höher

als die meiner Oma. »Servus, Kleines!« Er grinste

breit und nahm mich in den Arm. Und er war es auch,

der mich während des endlos langen Aufenthalts im

Hotelrestaurant mehrfach vor dem Tod durch Langeweile

rettete.

Willy hatte immer einen Skizzenblock und Stifte dabei

und zeichnete mir alles, was ich wollte. Hunde und

Katzen, Kellner mit spitzen Gesichtern und Damen mit

komischen Hütchen, das Essen auf dem Tisch, die ge-

langweilten Gesichter meiner Brüder und verschiedenartige

Affen.

Die Zeit im Restaurant verging, bis Oma London

irgendwann dem Kellner mit einer gnadenvollen Geste

bedeutete, er möge die Rechnung bringen. Die Gesichter

meiner Brüder entkrampften sich, in die Augen meines

Vaters kehrte das Leben zurück, und meine Mutter

schaute dankbar ins Nichts. Endlich war es vorbei, und

auf die zähen Stunden im Restaurant folgte nun die

Übergabe der Geschenke in der Hotelsuite. Für meine

Brüder und mich waren das paradiesische Momente. Ich

bekam Schokolade und Bengo-Sachen, für meine Brüder

gab es die obligatorischen Levi’s, für meinen Vater

Orangenmarmelade, Zigaretten und Ingwerstäbchen,

und meine Mutter nahm traditionell die nach Mottenkugeln

riechenden samtenen Morgenmäntel und seidenen

Nachthemden in Empfang, für die meine Oma keine

Verwendung mehr hatte. Meine Mutter war eine stolze

Frau und verzog keine Miene. Mit einer fast beiläufigen

Geste und einem kühlen »Danke, Mama« nahm sie die

Sachen entgegen und legte sie sofort beiseite, während

sie sich angeregt mit Willy unterhielt. Die Demütigung

schien sie nicht nur zu verfehlen, sondern wurde von ihr

postwendend an die Absenderin zurückgeschickt. Meine

Mutter war ganz die Tochter der ihren. »Ich liebe sie«,

sagte meine Mutter einmal. »Doch ich friere, wenn sie

da ist.«

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