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Ab jetzt ist Ruhe
EINS
Ich war also vier Jahre alt, als ich das erste Mal von zu
Hause fortlief. Ich kann mich daran erinnern, weil meine
Mutter mich früher als sonst zum Mittagsschlaf ins
Bett schickte. Normalerweise durfte ich sonntags nach
dem Essen noch eine halbe Stunde bei den Erwachsenen
spielen. Für normale Sonntage wie diesen hatte ich ein
wechselndes Arsenal an Spielsachen, das ich in meiner
Spieldecke ins Esszimmer zu schleifen und unter dem
Esstisch auszubreiten pflegte. An normalen Sonntagen
wie diesem saßen meine Eltern und meine beiden größeren
Brüder um diesen Tisch. Diesmal war sogar mein
dritter und ältester Bruder da, der sich immer seltener
blicken ließ.
Er war neunzehn, sah toll aus und trug eine Lederjacke,
die unglaublich gut roch und bei jeder seiner Bewegungen
knarzte wie ein alter Baum. Je erregter das Gespräch
am Tisch wurde, desto schneller und lauter
schien auch die Jacke zu sprechen. Ein faszinierender,
aber irgendwie auch beunruhigender Vorgang, den ich
gebannt verfolgte, bis das Gesicht meiner Mutter unter
dem Tisch erschien und mir mit großer Bestimmtheit
bedeutete, dass ich diesen Ort ganz schnell in Richtung
Kinderzimmer zu verlassen hätte.
Ich ließ mir Zeit. Denn sosehr ich es auch hasste, wenn
sie sich stritten – noch mehr hasste ich es, ihnen aus der
Verbannung dabei zuhören zu müssen. Doch es nutzte
nichts, irgendwann war ich allein in meinem blöden Bett
im Kinderzimmer. Allerdings nicht sehr lange, denn bald
wurde auch mein jüngster Bruder rausgeschmissen. Er,
der mit neun Jahren eigentlich schon lange keinen Mittagsschlaf
mehr machen musste. Er, der immer so tat, als
würde er die Erwachsenen verstehen. Er, der im Doppelstockbett
immer oben schlafen durfte.
Fluchend schmiss er die Kinderzimmertür zu, klärte
mich über »die Spießigkeit der Alten« auf und ließ seine
Wut mit kindlicher Grausamkeit an meiner Lieblingspuppe
aus, indem er ihr mit denWorten »Die sieht doch
so viel besser aus!« das Gummigesicht eindrückte. Danach
kletterte er in sein Bett und schwieg beleidigt.
An normalen Sonntagen hätte ich nach der Sache mit
der Puppe etwas nach ihm geworfen und wäre petzen
gegangen. Doch dieser Sonntag war anders. Vielleicht
war ich erwachsener geworden, vielleicht fiel auch einfach
nur eine Tür zu viel zu – es spielte keine Rolle. Ich
wollte weg. Türmen.
Türmen. Das war dasWort, das meine Mutter benutzte,
wenn sie von England sprach. »Wir sind getürmt«, sagte
sie und erzählte mir irgendwann auch von der Zahnbürste,
mit der sie und ihre Schwester in Wien unter
Aufsicht der Nazis die Straße putzen mussten. Sie erzählte
diese Geschichte beiläufig. Wie eine Episode, die
sie normalerweise vergessen hätte. Wie eine Anekdote,
an die man sich nur wegen einer Nebensächlichkeit
erinnert: eine Zahnbürste, die danach zu nichts mehr zu
gebrauchen war.
Ich dachte damals, das sei ein Spiel gewesen: Wer
verliert, putzt eben die Straße mit der Zahnbürste, na
und? Und Nazis – das Wort klang aus ihrem weichen
wienerischen Mund so, als handelte es sich um eine
putzige Hunderasse. Doch türmen – dasWort war toll.
Ich stellte mir meine Mutter vor, wie sie sich mit ihren
Habseligkeiten verwegen von einem Turm zum nächsten
schwang und irgendwann in London ankam. So
was wollte ich auch versuchen. Doch die Zeit schien
einfach noch nicht reif, und es gab in meiner Gegend
auch irgendwie nicht genügend Türme. Deshalb kam
ich nur bis zum Bahnhof Alexanderplatz.
Den Weg dorthin hätte ich mit geschlossenen Augen
gehen können. Das hatte ich oft an der Hand meines
Vaters geübt, wenn er mich am Wochenende zum Zigarettenholen
mitnahm. Wir hatten einen Geheimcode.
Einmal die Hand drücken: Bürgersteig runter, zweimal
die Hand drücken: Bürgersteig rauf. Anfangs blinzelte
ich noch manchmal, irgendwann nicht mehr. Ich öffnete
die Augen erst, wenn ich den Laden roch, in dem mein
Vater sich Zigaretten und mir Süßigkeiten kaufte. Das
Geschäft duftete nach Tabak und Kaffee. Ich mochte
diesen Duft, konnte ihn aber nicht genießen, weil die
Verkäuferin eine fette Idiotin war. Sie behandelte mich,
als sei sie mit mir verwandt, und tätschelte mit ihren
dicken Wurstfingern mein Kinn, als wollte sie es mir bei
nächster Gelegenheit klauen, weil sie selbst keins mehr
hatte. Das alles hätte ich leicht ertragen, wäre sie nicht
so scharf auf meinen Vater gewesen: »Na, Herr Stellvertretender
Minister?«, pflegte sie zu schleimen. »Die Guten,
wie immer?« Mein Vater nickte. »Und für die Kleine:
Schokolinsen!«, schrie sie, als sei ich begriffsstutzig
oder taub. Ich hasste die Dicke. Und sie war immer da.
Vielleicht war sie zu fett, um diesen Ort zu verlassen.
Vielleicht war sie so fett wie der dicke Herr Bell, von
dem mein ältester Bruder mir mal erzählt hatte.
Der dicke Herr Bell war irgendwann so dick, dass er
nicht mehr durch seine Wohnungstür passte. Er saß den
ganzen Tag auf dem Teppich und wartete auf seine
Nachbarin, die ihm etwas zu essen brachte. Der dicke
Herr Bell wurde immer trauriger, weil er gar nicht mehr
wusste, was in der Welt passierte. Doch irgendwann
kam ihm eine Idee.
Er bat seine Nachbarin, ihm einen langen Draht, dünnes
Blech, einen Hammer und zwei Zangen zu besorgen.
Jetzt hat er den Verstand verloren, dachte die Nachbarin.
Doch sie brachte ihm, was er wollte. Und der
dicke Herr Bell erfand das Telefon und wurde irgendwann
wieder fröhlich, weil er Leute anrufen konnte, die
ihm erzählten, was in derWelt passierte.
Die dicke Frau im Tabakladen war nicht fröhlich. Sie
war nur fett und laut. Auch als sie mich an diesem Sonn-
tagnachmittag durch die Schlange erspähte und meine
Pläne durchkreuzte. Sie stemmte ihre Oberschenkelarme
in die Hüfte und schrie: »Na, was macht denn die kleine
Motte hier?! Wo ist denn der Vati?!« Das Wort »Vati«
erreichte nur noch durch den Hall der Bahnhofspassage
mein Ohr, wo ich der Nachbarin aus dem vierten Stock
in die Arme lief.
»Was machst du denn hier so ganz allein?«
»Ich bin getürmt«, erklärte ich.
»Soso«, sagte sie, kaufte mir ein Eis und brachte mich
nach Hause. Meine Mutter war kreidebleich, als sie die
Tür öffnete. Sie bedankte sich kleinlaut bei der Nachbarin
und zog mich in dieWohnung.
»Was hast du dir dabei gedacht?«
»Ich bin getürmt. Genau wie du!«
»Unser Schwesterchen ist getürmt«, feixte mein mittlerer
Bruder, der plötzlich hinter ihr stand. »Alle wollen
es, und sie macht’s einfach.« Er war vierzehn, und ich
sah ihn nur am Wochenende, wenn er aus dem Internat
nach Hause kam.
Meine Mutter fuhr herum. »Geh sofort in dein Zimmer,
wir sprechen uns noch!«, herrschte sie ihn an.
»Wir sprechen uns noch«, äffte mein Bruder sie nach
und verschwand in seinem Zimmer. Meine Mutter
schimpfte mit mir, und ich musste ihr versprechen, dass
ich so etwas nie wieder tun würde.
»Bilde dir bloß nichts drauf ein!«, sagte mein jüngster
Bruder, als wir abends im Bett lagen. »Ich bin schon abgehauen,
da lagst du noch als Quark im Schaufenster.«
»Gar nicht.«
»Du hast doch überhaupt keine Ahnung.«
»Und du bist doof.«
»Schnauze.«
»Selber.«
Meine Mutter kam herein.
»Schluss jetzt«, sagte sie streng und zog die Vorhänge
zu. Sie kam an unser Bett, küsste uns, und wir sagten
unseren Gutenachtspruch auf, jeder immer einWort.
Ab – jetzt – ist – Ruhe.
Dann machte sie das Licht aus und ging.
Wenn es nach meinem ältesten Bruder ging, war jenem
spektakulären Fluchtversuch bereits ein anderer vorausgegangen.
Damals war ich zehn Monate alt und er
sechzehn Jahre. Wir bewohnten ein Haus am Stadtrand
und verfügten sowohl über einen Hund namens Fred
als auch über eine ältliche Haushälterin mit Überbiss:
Agnes.
Es war ein gewöhnlicher Vormittag im Sommer. Meine
Eltern arbeiteten, meine beiden jüngeren Brüder waren
im Kindergarten und in der Schule. Ich war mit
meinem ältesten Bruder, Hund Fred und Agnes allein.
Agnes rauchte in der Küche, mein Bruder war in seinem
Zimmer, Fred lungerte im Garten herum, und ich spielte
auf demWohnzimmerteppich.
Ob aus Langeweile oder Neugier – unbeobachtet und
mit nicht mehr als ein paar lässig um die Hüften geschwungenen
Stoffwindeln kroch ich irgendwann aus
dem Haus, durch den Garten und auf die Straße. Der
Hund entdeckte mich, rannte mir hinterher, trug mich
an denWindeln im Maul zurück und legte mich schweigend
in den Flur, worauf ich in gellendes Geschrei ausbrach.
Mein ältester Bruder stürzte aus seinem Zimmer,
setzte mich ins Laufgitter, rief nach der nutzlos in der
Küche rauchenden Agnes und knallte ihr eine. Agnes
wurde noch am selben Tag gefeuert, und auch der Hund
muss kurz darauf gestorben sein, denn ich kann mich
beim besten Willen an kein Hundegesicht erinnern. Wir
verließen das Haus am Stadtrand und zogen in eine
Neubauwohnung am Alexanderplatz.
Von da an ging ich in dieWochenkrippe – eine fabelhafte
Einrichtung: Montagfrüh wurde man frisch gewindelt
abgegeben und Freitagabend im gleichen Zustand
wieder abgeholt. Dazwischen galt meine ganze Aufmerksamkeit
vermutlich der Aufnahme und dem Ausscheiden
von Nahrung.
Auf die Wochenkrippe folgte der Kindergarten. Und
für den Kindergarten hatte ich einen Fahrer, der mich
dorthin brachte, nachdem er meinen Vater bei der Arbeit
abgesetzt hatte. Das Auto war ein schwarz glänzender
Tatra, und der Fahrer hieß HerrWolf. HerrWolf war ein
großer, breitschultriger Mann und hatte immer nasse
Haare, die er an jeder roten Ampel mit einem braunen
Kamm akkurat nach hinten kämmte, so dass sie am
Hinterkopf eine Art Scheitel bildeten.
HerrWolf brachte mich zu der kleinen pudelköpfigen
Tante Ritter und der strengen, hässlich bebrillten Tante
Liebig. Die beiden ergänzten sich vortrefflich. Was das
weiche Herz der einen durchgehen ließ, rückte die andere
mit mahnender Stimme und fester Hand wieder zurecht.
Einmal gab es zum Mittag Sülze, also Fleischfetzen
mit Fettaugen in Aspik. Tante Ritter ging um den Tisch
herum und versuchte uns das eklige Essen irgendwie
schmackhaft zu machen. »Guck mal, das da hat ein
Gesicht, es lacht dich an. Es will gegessen werden,
mmmh.« Die meisten machten gute Miene zum bösen
Spiel und schoben sich den Fraß in homöopathischen
Dosen irgendwie rein. Wenn Tante Liebig hingegen ihre
Runde drehte, waren große Gabeln angesagt. Auch bei
mir. Sie beugte sich mit ihren schweren Brüsten über
meine Schulter und zeigte mit noch schwererem Finger
auf meinen jungfräulichen Teller: »Was ist denn das? Da
liegt ja noch alles drauf! Jetzt aber ganz schnell weg
damit!« Sie griff nach dem unberührten Besteck, spießte
ein großes Stück des fleischfarbenen Glibbers auf und
hielt es mir vor die Nase. Nicht sehr lange, weil ich
kotzen musste und damit das eklige Zeug auf meinem
Teller endgültig ungenießbar machte.
Ebenso ungern erinnere ich mich an die Faschingsfeiern
im Kindergarten.Während die anderen jedes Jahr
in neuer Gestalt erschienen, war ich das Blumenmädchen,
und zwar immer: Sommerkleid, Kopftuch und ein
kleines Körbchen mit Kunstblumen. Einmal gab mir
meine Mutter ein rotes Kopftuch und legte in das Körb-
chen eine leere Rotweinflasche und zwei Stücke Marmorkuchen:
Rotkäppchen – es war demütigend.
Für den letzten Fasching im Kindergarten wollte ich
das Blatt wenden. Und Oma Potsdam sollte mir dabei
helfen. Sie war die Mutter meines Vaters, und wir nannten
sie Oma Potsdam, um sie von Oma London zu unterscheiden.
Oma Potsdam ging mit mir in einen Laden, wie ich
ihn vorher und auch nachher nie wieder gesehen habe.
Von außen ein Geschäft für »Textilien und Kurzwaren«,
drinnen eine bunte Wunderhöhle, vollgestopft mit Farben.
Es konnten sich höchstens zwei oder drei Kunden
gleichzeitig darin aufhalten, so eng war es dort. Die
Tische bogen sich unter der Last großer, vielfarbiger
und glänzender Stoffballen, in den Regalen türmten
sich Garnrollen und Wollknäuel, von der Decke hingen
lange bunte Bänder in allen Materialien und mit verschiedensten
Mustern. Es gab große Holztruhen mit
Tausenden Stoffresten und Kisten voller Knöpfe, Pailletten
und Strass.
Die Besitzerin des Ladens hieß Eva, meine Oma duzte
sie. Eva war ungefähr vierzig und unglaublich schön.
Sie hatte feuerrotes lockiges Haar und graue Augen,
deren Lider halb geschlossen waren, so dass sie immer
irgendwie müde aussah. Meine Oma nannte es »Schlafzimmerblick«.
Dass dieses Wort eine andere Bedeutung
hatte, als ich ihm gab, lernte ich erst später. Auch
erzählte sie mir irgendwann, dass Evas rotes Haar gar
nicht echt sei und sie eigentlich das mittelblonde glatte
Haar ihres Vaters habe – eines asthmatischen Bäckermeisters,
bei dem ich immer unsere Brötchen holte.
Wir zwängten uns durch Evas Laden und suchten aus,
was man für eine morgenländische Prinzessin brauchte.
Eva nahm meine Maße und bestellte uns für den nächsten
Tag in ihre Wohnung, deren Wände mit Stoffen tapeziert
und mit Bildern geschmückt waren, die nur ein
einziges Motiv hatten: Eva.
Eva schneiderte mir einen paillettenbesetzten Traum
aus dunkelblauer Kunstseide, mit Schleier und langer
Schleppe. Die Lebenszeit dieses Traumes betrug exakt
zwei Stunden und endete im Hausflur meiner Oma als
rußiges Nichts mit zerrissener Schleppe, einem verstauchten
Knöchel und schlimmen Tränen. Völlig unbemerkt
hatte sich die Prinzessin aus der Wohnung geschlichen,
um ihre Großmutter mit einem Eimer Kohlen
aus dem Keller zu überraschen. Scheherazade sollte den
Hinterhof in Potsdam niemals verlassen.
Ich liebte es, zu Oma Potsdam zu fahren. Ich durfte
aufbleiben, so lange ich wollte, ich durfte Westfernsehen
gucken und dabei meiner Oma Zigaretten drehen.
Sie besaß eine silberne Tabakdose und eine Zigarettenspitze
aus Elfenbein, an der sie elegant wie ein
Filmstar zog, während sie mir Geschichten von früher
erzählte. Geschichten aus einer Welt, die mit der, in der
sie jetzt lebte, nicht das Geringste gemein hatte. Es war
die Welt einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie,
die aus einem Kaff bei Breslau nach Berlin
gekommen war. Ihr Vater war eines von acht Kindern,
hatte einen Zwillingsbruder und starb mit nur einundfünfzig
Jahren. »An gebrochenem Herzen«, wie meine
Oma immer wieder seufzend und nicht ohne eine gewisse
Dramatik betonte. Über ihre strenge Mutter sprach
sie kaum.
Sie zeigte mir Fotos von ihrem Bruder, der im Ersten
Weltkrieg in die afrikanischen Kolonien ging und dort
an Gelbfieber starb. Sie zeigte mir ihre schöne Schwester
– eine Sängerin und Tänzerin, die von den Frauen
hochrangiger Nazis protegiert wurde, bis man sie dann
doch nicht mehr so toll fand und nach Theresienstadt
deportierte.
Sie erzählte mir von ihren drei Ehemännern, von
denen einer schlimmer gewesen sei als der andere. »Sie
haben mich alle betrogen«, seufzte meine Oma. »Aber
sie sahen blendend aus!«
Sie zeigte mir das Foto eines jungen Mannes, der
meinem Vater zum Verwechseln ähnlich sah. Er trug die
Uniform eines Offiziers im Ersten Weltkrieg und lächelte
charmant in die Kamera. »Ein schöner Nichtsnutz,
ein Schürzenjäger. Er ist leider wahnsinnig geworden.«
Bevor das geschah, ließ sie sich von ihm scheiden, um
kurz darauf einen Filmkritiker zu heiraten, der ihr das
Berlin der zwanziger Jahre zu Füßen legte. Allerdings
nur so lange, bis er die Füße anderer Frauen verlockender
fand.
Folgte Ehemann Nummer drei: ein Biologe, Kunstliebhaber
und Übersetzer. Er war zwanzig Jahre älter als
meine Oma und holte sie in das kleine oberbayerische
Dorf, in dem er lebte.
»Sie haben sich das Maul zerrissen, wenn wir die
Dorfstraße entlangliefen«, erzählte sie mir und zog an
ihrer elfenbeinernen Zigarettenspitze. »›Die geschiedene
Jüdin‹ haben sie mich genannt. Aber ich war besser als
dieses Pack!« Sie stieß den Rauch mit einer Verachtung
aus, als befände sich das Dorf vollzählig mit uns im
Raum.
Sie war besser und bewies es den Leuten, indem sie
katholischer wurde als sie. Sie machte die Religion zu
ihrem neuen Hobby. Doch was sie anfangs noch aus
einer Mischung aus Trotz, Langeweile und Neugier tat,
wurde mehr und mehr zum Lebensinhalt. Irgendwann
gab sie nicht nur vor zu glauben – sie glaubte tatsächlich.
Ihren Sohn, der später mein Vater werden sollte,
schickte sie auf ein katholisches Internat in den Bergen.
Dort wurde er ein fleißiger Ministrant, und wäre er nicht
beschnitten gewesen, hätte er wohl bald gänzlich vergessen,
dass er Jude war. Er lernte, was ein guter Katholik
zu lernen hatte. Pater Richard lehrte ihn Latein, bei Pater
Rupert beichtete er, und Pater Martin erklärte ihm die
Welt. Allerdings auf eine Weise, die der Gestapo nicht
gefiel. Jetzt war er Antifaschist und Jude – das ging gar
nicht, er musste weg. Aus dem Internat und aus dem
Land. Ein jüdischer Kindertransport brachte ihn nach
England.
Seine Mutter durfte bleiben. Sie war durch die Ver-
bindung mit einemnichtjüdischen Mann noch geschützt.
Später versteckte er sie, und als der Krieg vorbei war,
wurde die Ehe wegen des wiederholten Vorwurfs der
Schürzenjägerei geschieden. Meine Oma lebte noch zwei
Jahre im Gästezimmer ihres Ex-Mannes und seiner jungen
Frau, und als mein Vater aus dem Exil zurückgekehrtwar,
fand er für sie die kleineWohnung in Potsdam,
in der sie auch jetzt noch lebte.
Meine Oma liebte den Schein und die Welt der schönen
Dinge. Sie verlor sich gern in der Vergangenheit, die sie
wie einen Schatz in ihrem alten Sekretär verbarg.
Manchmal gab sie mir den Schlüssel und erlaubte mir,
in die vielen kleinen Schubladen zu schauen, in denen
sie die Insignien eines anderen Lebens aufbewahrte.
Sie lebte in der Vergangenheit, ohne zu vergessen,
dass ich ein Teil ihrer Gegenwart war. Und diesen Job
machte sie gut. Sie ließ mich in ihrem Bett unter dem
hölzernen Kreuz schlafen und nächtigte selbst auf der
unbequemen Couch im Wohnzimmer. Wenn ich morgens
aufwachte, kroch ich zu ihr unter die Decke, und
sie las mir mit ihrer knarzigen warmen Stimme Indianergeschichten
vor. Sie kochte mir Grüne Bohnen, buk
mir Schokoladenkuchen und kaufte mir kleine Ringe
mit leuchtenden bunten Glassteinen.
Nur die Sonntagvormittage waren öde. Da nahm sie
mich mit in die Kirche. Eine Stunde elender Langeweile
mit ernst dreinblickenden alten Leuten und einem
gelbgesichtigen Pfarrer, der schlimm aus dem Mund
roch. Wenn er vor dem Gottesdienst am Kirchenportal
stand, um seine Gemeinde persönlich in Empfang zu
nehmen, holte ich tief Luft und hielt sie an, bis ich
drin war. Später begriff ich, dass ich einfach nur durch
den Mund atmen musste, um mir das Leben zu retten.
Ich drängte Oma Potsdam dazu, sich möglichst weit
hinten in die Bank zu setzen, doch selbst da schien
mich der stinkende Atem des Gottesmannes zu erreichen.
Mein Vater hatte seiner Mutter strikt untersagt, mich
mit in die Kirche zu nehmen. Nicht etwa, weil er mir die
endlosen Predigten, Gebete und das Psalmengesinge ersparen
wollte. Nein, mein Vater machte sich Sorgen,
dass mein zart heranwachsendes Klassenbewusstsein
untergraben werden könnte.
Oma Potsdam wiederum hegte keine missionarischen
Absichten – ob ich an Gott glaubte oder nicht, war ihr
egal. Ihr ging es einzig darum, ihrem Sohn eins auszuwischen.
Sie wusste, wie sehr mein Vater ihren Katholizismus
hasste. Außerdemmachte sie ihn verantwortlich für
dieses »Desaster«, wie sie es nannte. Ich wusste damals
natürlich noch nicht, was das bedeutete, erkannte aber
an dem verächtlichen Blick, den sie bei diesem Wort
durch ihre kleine Potsdamer Hinterhofwohnung schickte,
dass es irgendetwas mit ihrem jetzigen Leben zu tun
haben musste. Dass sie mich in die Kirche schleppte und
im Westfernsehen Sesamstraße gucken ließ, war ihre
kleine Rache an ihrem Sohn. Es bereitete ihr diebisches
Vergnügen, ihn zu hintergehen.
»Der Schlag soll mich treffen, wenn ich mir das von
deinem Vater verbieten lasse«, sprach sie und ließ die
Zigarette aufglühen, die ich ihr gedreht hatte.
Eines Tages wurde sie wirklich vom Schlag getroffen.
Als sie siebzig Jahre alt war, fiel sie um und war tot.
Mein Vater saß in der Küche und rauchte. »Oma ist tot«,
erklärte er mit ausdrucksloser Miene. »Morgen ist ihre
Beerdigung.Willst du mit? Du musst nicht.« Ich weinte.
Er rauchte. Ich war zehn Jahre alt. Natürlich wollte ich
mit.
Bei ihrer Beerdigung sprach der mundriechende Priester
weihevolle Sätze, und die rothaarige Eva tauschte
ihren Schlafzimmerblick durch einen trauerumwölkten.
Und mein Vater rauchte.
Mein Vater rauchte immer. Auch wenn Oma London
kam, die es nicht leiden konnte, wenn er rauchte. Sie
mochte meinen Vater nicht und hatte ihrer Tochter nie
verziehen, dass sie sich von einem zum Katholizismus
und später Kommunismus konvertierten Juden nach
dem Krieg ausgerechnet ins verhasste Deutschland hatte
verschleppen lassen. Und dann auch noch in den Osten.
Tief in ihrem Inneren verachtete sie ihre Tochter dafür,
dass sie sich das hatte bieten lassen, und ließ es meine
Mutter auch Jahrzehnte später noch auf sehr subtile
Weise spüren.
Oma London hieß Oma London, weil sie und ihr
Mann William nach dem Krieg nicht nach Wien zurückgekehrt,
sondern in England geblieben waren. Die
beiden lebten in einem wohlhabenden Vorort von London,
und im Sommer fuhren sie in ihr Ferienhaus auf
die milden Scilly-Inseln vor der Küste Cornwalls.
Oma London war schon über siebzig und immer noch
eine Schönheit – elegant gekleidet, mit perfekt frisiertem
Haar und langen, rot lackierten Fingernägeln. Sie sprach
feinstes Wienerisch, das sie sorgsam mit englischen Vokabeln
versetzte – eine Dame in Vollendung.
William, den wir nur Willy nannten, war ihr zweiter
Mann und stand ihr an Noblesse in nichts nach. Er trug
ein sorgsam gestutztes Menjou-Bärtchen, sein dunkles
gewelltes Haar war mustergültig nach hinten gekämmt –
er war der Inbegriff des perfekten Kavaliers mit dem
Charme und der Nonchalance eines Wiener Lebemannes.
Willy war Zeichner und Bildhauer mit einer besonderen
Leidenschaft für Tiere. Er schuf große Bronzeplastiken,
die gern in diverse Zoos gestellt wurden, und
zeichnete Cartoons mit lustigen Hundegeschichten. Uns
Kinder beschenkte Willy hauptsächlich mit Bengo. Bengo
war ein Hundewelpe, der als Comic- und Zeichentrickfigur
oder als Kuscheltier sein kleines widerspenstiges
Dasein fristete.
Mein Kinderzimmer wurde von zahllosen Bengos bevölkert.
Den Bengo-Mittelpunkt meines Lebens allerdings
bildete ein schmaler Teppich, der vor meinem Bett
lag, bis er fadenscheinig wurde und in einer gemeinen
Nacht-und-Nebel-Aktion von irgendeinem mitleidlosen
Mitglied meiner Familie entsorgt wurde.
Die seltenen Besuche meiner Großeltern aus London
waren ein Ereignis, denn Oma London verstand es fabelhaft,
uns das Gefühl zu vermitteln, nicht sie würde uns
besuchen, sondern umgekehrt.
Gemeinsam mit Willy residierte sie meist in einem
teuren Hotel im Zentrum der Stadt. Dort gab sie uns
Audienzen, die stets nach einem von ihr festgelegten
Protokoll abzulaufen hatten. Für gewöhnlich warteten
meine Eltern und wir Kinder in der Hotelhalle, bis
meine Großmutter und Willy dort erschienen, um von
uns ins Restaurant eskortiert zu werden. Oma London
begrüßte jedes Familienmitglied mit mondäner Gelassenheit
und hauchte kultivierte Küsschen. »Ja schau,
Sweetie!«, pflegte sie zu säuseln, wenn ich an der Reihe
war. »Look at you, was bist du groß geworden!«
Sprach’s, nahm mein Gesicht zwischen ihre kühlen
Hände und küsste mich auf die Stirn, während ich ihren
kostbaren Duft aufsog. Sie roch gut. Nach erlesenem
Parfüm und weiterWelt.
Die Betriebstemperatur von Willy lag um einiges höher
als die meiner Oma. »Servus, Kleines!« Er grinste
breit und nahm mich in den Arm. Und er war es auch,
der mich während des endlos langen Aufenthalts im
Hotelrestaurant mehrfach vor dem Tod durch Langeweile
rettete.
Willy hatte immer einen Skizzenblock und Stifte dabei
und zeichnete mir alles, was ich wollte. Hunde und
Katzen, Kellner mit spitzen Gesichtern und Damen mit
komischen Hütchen, das Essen auf dem Tisch, die ge-
langweilten Gesichter meiner Brüder und verschiedenartige
Affen.
Die Zeit im Restaurant verging, bis Oma London
irgendwann dem Kellner mit einer gnadenvollen Geste
bedeutete, er möge die Rechnung bringen. Die Gesichter
meiner Brüder entkrampften sich, in die Augen meines
Vaters kehrte das Leben zurück, und meine Mutter
schaute dankbar ins Nichts. Endlich war es vorbei, und
auf die zähen Stunden im Restaurant folgte nun die
Übergabe der Geschenke in der Hotelsuite. Für meine
Brüder und mich waren das paradiesische Momente. Ich
bekam Schokolade und Bengo-Sachen, für meine Brüder
gab es die obligatorischen Levi’s, für meinen Vater
Orangenmarmelade, Zigaretten und Ingwerstäbchen,
und meine Mutter nahm traditionell die nach Mottenkugeln
riechenden samtenen Morgenmäntel und seidenen
Nachthemden in Empfang, für die meine Oma keine
Verwendung mehr hatte. Meine Mutter war eine stolze
Frau und verzog keine Miene. Mit einer fast beiläufigen
Geste und einem kühlen »Danke, Mama« nahm sie die
Sachen entgegen und legte sie sofort beiseite, während
sie sich angeregt mit Willy unterhielt. Die Demütigung
schien sie nicht nur zu verfehlen, sondern wurde von ihr
postwendend an die Absenderin zurückgeschickt. Meine
Mutter war ganz die Tochter der ihren. »Ich liebe sie«,
sagte meine Mutter einmal. »Doch ich friere, wenn sie
da ist.«
Rezension I Buchbestellung I home 0I12 LYRIKwelt © S. Fischer